Dr. Rainer Beßling, Bremen, Rede zu Eröffnung der Ausstellung von Endy Hupperich am 16. September 2011 in der Galerie Lake

"Es ist schon alles gesagt worden, nur noch nicht von mir."

"Ich bin auf Sie angewiesen, aber Sie nicht auf mich, merken Sie sich das!"

"Alle reden vom Wetter, aber niemand unternimmt etwas dagegen."

Warum ich mit Karl Valentin beginne? Es hat etwas damit zu tun, dass auch der Künstler des heutigen Abends aus München stammt. Vor allem aber fühlt sich Endy Hupperich dem volksnahen Urgestein des skurrilen Humors und der absurden Komik, dem genialen Wortkünstler und Akrobaten zwischen Tiefsinn und Unsinn äußerst zugetan. Eine Geistesverwandtschaft über die künstlerischen Gattungen hinweg könnte man das nennen.

Bei einem Blick in die Vita von Endy Hupperich stößt man nicht nur auf München, es fällt die Station Mexiko-Stadt auf. Auch der Katalog, der zu dieser Ausstellung erschienen ist, zeigt auf dem Titel Referenzen zum spanischen Kulturkreis. Der Künstler lebte und lehrte längere Zeit in Mittelamerika. Nicht nur ein offensives, drängende visuelles Überangebot traf er dort an, sondern vor allem einen Mix von Bildern, die in bizarren Kontrasten zueinander stehen. Kirchen wie mahnende Monumente im tosenden Straßenleben, Zuckerwatte, Pornokinos und Katholizismus eng nebeneinander. Aufdringliche Werbetafeln als Augenfang. Man kann das als optische Verschmutzung und Okkupation des öffentlichen Raums sehen, aber auch als Ausdruck von real life. Pop Ups überall, Bewegung an allen Orten, kaum mit Augen und Verstand zu bändigen, voller Faszination und Irritation. In dieser Ausstellung sind nun kaum Bilder zu sehen, die Motive aus Mexiko aufgreifen. Eher wirkt das Augenerlebnis Mexiko mit seinen Folgen nach. Ein Impuls, hinzuschauen, dem sich niemand entziehen kann. Zugleich eine Aufforderung, den Blick zu schärfen, vor allem an die Adresse eines Malers. In einem Bild wie Nuss Hawaii steht der diffuse Eindruck von schriller, poppiger Buntheit am Anfang. Die Motive sind anfangs nicht leicht zu erkennen in ihren Ausschnitten und Anschnitten, in der unklaren Bildstaffelung, in der Verschränkung verschiedener Perspektiven und Vermengung unterschiedlicher Orte. Ein Reiter auf einem Elefanten, eine Nussschokolade, Farben als emotional aufgeladene Kulissen, die Schrift als Flash, suggestiv und dynamisch in ihrer Funktion als Bildachse. Ein kruder Mix, der auch etwas über das visuelle Ergebnis unser Zapping-Kultur erzählen könnte, der aber zugleich als eigenständige Komposition verstanden werden will.

Wo andere eine Landschaft sehen und nachbilden oder modellhaft und mehr oder weniger abstrahierend bauen, wo andere porträtieren oder Stillleben malen, setzt Hupperich Fundstücke zusammen und bringt in malerischer Bearbeitung eine Komposition auf den Weg, die etwas über den Bildstrom vor und in uns sagt.

Anfangs malte Hupperich anders. Ausgebildet, Meisterschüler und später Assistent bei Helmut Sturm pflegte er eher das, was man gern reine Malerei genannt hat. Eine Gestik, die sich über die Farbe vermittelt, ein Spiel mit der Eigenbewegung des Materials, Meditation in Monochromie, jedoch nie rein abstrakt, schon immer dekonstruktiv vom Gegenstand ausgehend, ein Weg der Stilisierung und Verfremdung, um die Kenntlichkeit zu erhöhen. Dann schloss er mit seinen Bildern stärker an die Wirklichkeit an, in dem er Versatzstücke aus ihrer fotografischen Abbildung montierte. Eine Sammlung und Auswahl aus der täglichen Bilderflut entstand. Die Funde, Ausschnitte aus Zeitungen und Zeitschriften oder eigene Fotografien meist von Alltagsbeobachtungen, legt der Künstler über längere Zeit ab. Manche verwirft er wieder, andere bleiben bestehen. Manchmal ergeben sich schnell Korrespondenzen oder Kontraste. In anderen Fällen dauert es länger, bis sich an das Motiv, das die Aufmerksamkeit des Künstlers gefunden hat, eine spannungsvolle Bild-Geschichte andockt.

Das Erzählerische und das Malerische sind Momente, die sich in der Kunst Hupperichs nicht ausschließen, sondern wechselseitig befruchten. Auch mit Farben und Formen lassen sich Geschichten erzählen. Sie verleihen scheinbar bekannten Motiven einen neuen Echoraum, stellen vermeintlich vertraute Akteure auf eine neue Bühne. Welche Sachen wollen zusammen gestellt werden, was läuft zusammen? Wächst zusammen, was zusammengehört oder zeigt uns nicht eher das Unzusammenhängende, wie die Gesamtheit unserer Lebenswelt tickt? Perlen vor Napoli? Wie fügen sich das verzerrte Gesicht, die parallelen Linien, der geschwungene Strich, die Farbexplosion, die dunkle Farbsoße am Bildfuß, die Perlenkette zusammen? Napoli, eine Mischung aus mediterranem Ideal und Müllendlager. Perlen vor Napoli, heißt das Perlen vor die Säue?

In einem Bild wie "Lapsus Beach" bildet eine Surferin, die lächelnd und tendenziell lasziv über die Schulter zurück blickt und den Betrachter verlockend anschaut, den Mittelpunkt. Die Protagonistin einer Deo-Werbung wird zum Zentrum einer ironisch gefärbten malerischen Impression des Strandlebens. Blau, grün, sandig verströmen sich die Farben lichtdurchflutet von der Schönen aus, die einen aufmerksamen Beobachter mit südländischen Gesichtszügen gefunden haben könnte. In all den Glanz klatscht ein schokofarbenes Eis am Stiel. Lecker, süß, klebrig, schlüpfrig, ganz wie man will.

Seit einiger Zeit scheint es üblich, im Angesicht von Malerei über das Schicksal und die Zähigkeit dieser Gattung zu philosophieren, die Funktion des Malens und die Rolle des Malers in einer medial beherrschten Gegenwart, angesichts der Übermacht des Fotografischen und Filmischen zu reflektieren. In einem Katalogbeitrag wird Endy Hupperich so etwas wie eine gemalte Medientheorie attestiert. Meiner Ansicht nach würde man seinen Bildern unrecht tun, betrachtete man sie als Illustration eines kulturkritischen Zugangs zu Wirklichkeit. Die Lage ist einfacher und komplizierter zugleich.

Einfach, weil der Künstler schlicht das in seinen Bildern aufgreift, was ihm auffällt, was ihn interessiert und inspiriert, auch was ihm gefällt, weil es schräg oder auch auf eine besondere Weise schön ist. Komplizierter, weil sich das, was dann im Laufe des Kompositionsprozesses passiert, nicht eins zu eins in Begriffe, Thesen, Theorien oder geschlossene Geschichten übersetzen lässt. Grundstrukturen und Grundgedanken sind zu Beginn eines Bildes da, die ganze Geschichte entwickelt sich aber erst im Malen. Damit der Künstler den Betrachter überraschen, vielleicht irritieren, vor allem aber unterhalten und anregen kann, muss er auch sich selbst im und vom Verlauf der Bildfindung überraschen lassen können.

Was wir bei unserem Gang durch Hupperichs Bilder als Energie, Spannung, nicht selten auch Rätsel empfinden, liegt daran, dass auch der Künstler anfangs nicht weiß, wohin die Reise geht, dass er Sprengkraft sucht und nicht harmonischen Ausgleich. Bei ihm ist nicht belehrend oder aufklärend in einem schlichten Entlarvungs- oder Demaskierungsfeldzug. Er überlässt den Erkenntnisgewinn dem Betrachter, er bietet das sinnliche Erlebnis an.

In dem Bild "Chinese Cultur bei Mustermanns" springt den Betrachter zuerst einmal ein Naturkulisse an. Aufgemischt wird das Pflanzengrün mit Teichanmutung durch eine ausgreifende fleischfarbene Fläche, die sich an einen Körper anschließt, der auf dem Kopf steht. Das Grinsen im Gesicht des Mannes ist zur Grimasse verzerrt. Das könnte Herr Mustermann, das Ideal kleinbürgerlicher Zufriedenheit, in seinem Gartenidyll sein. Wie zur Bestätigung winkt ihm eine gelb getigerte Glückskatze zu. Feng Shui zwischen Baumarktversprechen, Nippes, Kitsch und Kultur, richtig schön schrill und wunderbar gemalt, voller Brüche im Harmoniemodell.

Manche Maler begreifen ihr Tun als einen praktischen Prozess der Wahrnehmungsschärfung. Ein Motiv, das ihre Aufmerksamkeit gewonnen hat, wird bei der Arbeit an der Leinwand noch einmal intensiver in den Blick genommen. Bei Hupperich blüht den Motiven eher eine Metamorphose, sie verpuppen sich mitunter mehrfach, nehmen verschiedene Identitäten an, je nachdem, wie man sie untereinander kombiniert beziehungsweise wie man ihr Zusammenspiel mit dem angelagerten Kolorit und den mal gestischen, mal ornamentalen Konturen verstehen will.

Hupperichs Collagen setzen aber nicht nur auf das Aufeinandertreffen und die Reibung von Kontrasten, auf die schnelle Identifikation von Figuren und Szenen im Widerstreit. Mit differenzierten Bildgründen, in sich vielfältig schillernden, von reicher Binnenstruktur belebten Farbflächen bindet der Maler die Figurationen zusammen. Diese Struktur verdient eine längere, aufmerksamere Betrachtung.

Der Künstler lässt disparate Einzelbilder nicht nur nebeneinander stehen, sondern lagert sich auch übereinander. Der Prozess der Schichtung ist wichtig. Hupperich baut die Bilder von hinten nach vorne auf, führt die Motive nicht vorwiegend parallel, sondern arbeitet mit dem Durchscheinen, das nicht selten zu einem Durchkreuzen wird. Hinten liegende Schichten sprechen beim Vordergrund mit, der Betrachter ist immer auf der Reise zwischen verschiedenen Zentren. Schrift schiebt sich zusätzlich dazwischen und darüber. Trotz der Staffelung bleibt die Bühne schmal wie ein Display. Was in der Welt zählt, der Hupperich seine Motive abschaut, ist die Massierung an der Oberfläche. Alles drängt nach vorn, im schnellen Bild-Wechsel lassen sich kaum Verbindungen und Fundamente finden, scrollen, verlinken, markieren, ausschneiden, kopieren, verwerten - man fühlt sich an die Netzwelt erinnert, und doch ist in der Kunst des Münchners alles körperlich und sinnlich, die Farbkraft und der Strich lassen die Bilder plastisch erscheinen. In der Spur der aufklärerischen Kraft der Collage, im Geiste von Dada und surrealen Bildfindungen zwischen imaginiertem, virtuellem Raum und realer Topographie pendelt Hupperichs Malerei - ein Grund für ihren Reiz und ihre Sogkraft. Verführung und Entschleierung in einem - das macht den Unterhaltungswert und Erkenntnisfaktor der Bilder aus.

Meist entstehen die Titel erst im Nachhinein. "Monochrom Expressiv" etwa, man könnte das Bild für eine Studie über unterschiedliche malerische Konzepte halten. Zumal ein Polkescher Häkelstrich ein niedliches Rehkitz halb ausfüllt. Doch der Titel beschreibt mehr den langen Entwicklungsprozess des Bildes, von einem grauen Grund zum farbgeleiteten Ausdrucksgehalt.

Fühlt man sich vor den Bildern Hupperichs an Martin Kippenberger der Sigmar Polke erinnert, ist das dem Münchner durchaus recht. Er hat nicht den Anspruch einer originalgenialen Neuerfindung der Malerei - von Streifen bis Strichmännchen, alles schon dagewesen, es kommt eher darauf an, wie man den Bestand neu samplet, das hat was mit der Kenntnis des Kanons aber auch mit Gespür für Strömungen zu tun. Mit dem einen Ohr am Nachklang der Vergangenheit, das andere offen für den Puls der Zeit - Hupperichs Lieblingsband ist übrigens "Ween", die einen richtig schrägen Mix aus unterschiedlichsten Epochen und Stilen anbietet.

Humor hat es in der Kunst offenbar grundsätzlich nicht so leicht. Komplett verstanden fühlt sich Endy Hupperich mit seiner Art des Witzes auch in seiner Heimat Bayern nicht unbedingt. Kunst hat es offenbar einfacher, wenn sie einen hehren Anspruch und tiefe Ernsthaftigkeit ausflaggt. Ernst ist es Hupperich mit seinen Bildern auch, das lässt sich kaum übersehen, wenn man auch nur ansatzweise einen Sinn für malerisches Können und ästhetische Qualität hat. Doch ohne Schmunzeln und den Spaß an der Verbindung von vermeintlich Unvereinbarem könnte er wohl kaum malen.

"Hoffentlich wird es nicht so schlimm, wie es schon ist."

"Ein Optimist ist ein Mensch, der die Dinge nicht so tragisch nimmt, wie sie sind."

"Kunst kommt von können, nicht von wollen, sonst müsste es ja Wunst heißen."

"Heil, heil, heil... wie heißt er doch gleich, ich kann mir den Namen nicht merken. Wie gut, dass der Führer nicht Kräuter heißt".

Karl Valentin und Endy Hupperich - die hohe Schule der Wörter-Wandlung trifft auf die Kunst der Bild-Metamorphose.



Ubay Murillo (Rede von Ludwig Seyfahrt zur Eröffnung der Ausstellung Ubay Murillos in der Galerie Lake am 17. Februar 2014)

Spanische Malerei hatte auch in der Geschichte immer wieder eine Qualität, die man als eine Art magischen Realismus bezeichnen könnte. In ihrem Naturalismus sehr weitgehende Darstellungen bilden nur scheinbar direkt die Wirklichkeit ab, sondern verrätseln sie auf raffinierte Weise. Denken wir an Diego Velázquez, auf dessen Bild der Meninas, der Hoffräulein der Künstler sich selbst verewigt hat und die raffinierte Choreographie der Personen und Blicke des von ihm gemalten Hofstaates gleichsam in seinem Blick bündelt und uns Betrachtern die Frage stellt, welchen Sinn das Ganze denn wohl haben könnte.


Oder denken wir an die Traumbilder Francisco Goyas, die als Vorläufer der surrealen Welten des 20. Jahrhunderts gelten können.


Dass auch heute viele interessante Maler aus Spanien kommen, ist in der auf originelle Malereipositionen begierigen Kunstszene erstaunlicherweise immer noch nicht flächendeckend durchgedrungen. Und so warten auch einige Maler, die alle aus Teneriffa stammen und auch dort an der Kunsthochschule studiert haben, auf den ganz großen internationalen Durchbruch, wie ihn etwa die sogenannte Leipziger Schule um Neo Rauch erfahren hat.

Diese Maler wurden dem Kunsttheoreriker und Ausstellungskurator Ramón Salas, der auch Professor an der Kunstakademie in Teneriffa ist, sozusagen entdeckt und erhielten von ihm den Namen Laguna School.


Ich selbst habe einige dieser Künstler den in Berlin lebenden kubanischen Kurator Juan Carlos Betancourt kennengelernt, der vor etwa vier Jahren in einer Berliner Galerie eine Gruppenausstellung mit ihnen organisiert hat, für die er mich um einen Katalogtext bat. Bis dahin waren diese Künstler, auch Ubay Murillo, mir nicht näher bekannt, aber ich war sofort fasziniert und nahm den Auftrag gerne an.


Nun ist Teneriffa kein Ort, den man zunächst mit bildender Kunst in Verbindung bringt. So „zentral" die kanarische Insel in den Katalogen des Reiseverkehrs auftauchen mag, so ist sie aus Sicht des internationalen Kunstbetrieb absolute „Peripherie". Anders als beispielsweise nach Berlin, wohin einige Mitglieder der Laguna School in den letzten Jahren auch gezogen sind, reist niemand nach Teneriffa mit dem Ziel, die zeitgenössische Kunstszene unter die Lupe zu nehmen.


Den Bildern eines der profiliertesten Vertreter der Laguna-School, Ubay Murillo, sieht man die Herkunft an, dass er nicht aus Berlin oder aus Oldenburg stammt.

Ein gewisses südliches Flair. Bei einigen seiner Bilder kann man sagen, dass er das Klischee des Malers von der Touristeninsel ironisch auf die Spitze treibt. Einen magischen Realismus, der die Orte der Freizeit surreal verfremdet.

In den letzten Jahren steht mehr und mehr die menschliche Figur im Mittelpunkt.

Wir sehen nur die Hülle, keinen Kopf


Nur Kleidung, kein Körper drin?

„Trugbild"

Nike von Samotrakhe

Torso

„Geist" aus Kleidung gebildet


„Keule"

An Edouard Manet


In der Malerei hatte der 1883 verstorbene Edouard Manet das Flatland bereits erfunden. Gustave Courbet hielt Manet vor, sein Ideal sei die Spielkarte. Manet, den Murillo als eines seiner Vorbilder nennt, drückte die Leere zwischenmenschlicher Beziehungen durch Flächenbeziehungen aus.


Es sind Ansichten einer „geklonten“ Welt, die keine physische Substanz hat. Eine ähnlich flache Folie bilden viele Gemälde der Pop-Künstler der 1960er Jahre, die erstmals konsequent die Welt der Werbung und der Massenmedien wiedergaben. Dass das, was wir sehen, nicht als Realität, sondern nur als ihr schematischer Repräsentant aufzufassen ist, war schon die Basis des künstlerischen Werks von René Magritte, der Abbilder der Dinge wie Wörter behandelt hat. Magritte entwarf selbst kommerzielle Anzeigen und ist bis heute von unschätzbarem Einfluß auf die Werbeästhetik...


Einer solchen Welt ohne Tiefe verleiht Ubay Murillo ein heutiges Gesicht, in das sich kunsthistorische Referenzen sich wie in einem Time Tunnel verirrt haben.

Ubay Murillos Gemälden zu emblematischen Allegorien darüber, wie unsere heutige Konsumkultur im wahrsten Sinne des Wortes an der Oberfläche klebt.


Piel Haut/Pelz


Politisch und formalistisch


Memento mori



Johann Büsen - Jäger, Sammler und DJ (Rede von Rieke Buning zur Vernissage in der Galerie Lake am 13. September 2013)

Der Künstler, Jäger und Sammler Johann Büsen, geboren 1984 in Paderborn, absolvierte von 2005 bis 2010 sein Studium an der Hochschule für Künste in Bremen, sein Diplom machte er in der Klasse von Prof. Bialobrzeski. Er ist Gründungsmitglied der 2007 formierten Künstlergruppe Tetrapack.

Er wurde mehrfach mit Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2010 mit dem Paula-Modersohn-Becker Nachwuchs-Kunstpreis der Kunsthalle Worpswede. Er ist in zahlreichen Gruppen- und Einzelschauen vertreten gewesen, unter anderem im Weltkulturerbe Zollverein in Essen, auf der Art Karlsruhe und im Museum Kunstpalast in Düsseldorf.

Seine Kunst ist ein bisschen wie Treibsand, der erste Kontakt genügt bereits, um immer tiefer darin zu versinken. Das hat mit unseren Sehgewohnheiten zu tun, mit denen Johann Büsen Karussell fährt. Er bedient sich bei der Erschaffung seiner Bildwelten der Formensprache aktueller Massenmedien: des Siebdrucks, der Illustration, des Internets, der Collage, des Comics. Kurz: All dessen, was uns jeden Tag umgibt und bringt es in neue Kontexte.

Wieso ist Johann Büsen ein Jäger und Sammler? Was wir hier sehen, ist digitale Malerei. Das bedeutet, dass diese Malerei am Rechner entsteht. Es gibt das Bild lange, bevor Leinwand und Farbe ins Spiel kommen. In der Kunstwelt taucht dabei der Begriff der „digitalen Malerei“ nicht auf, es wird stattdessen die Technik des Ausgabemediums genannt, zum Beispiel Digitaldruck, Pigment Print oder C-Print.

Woher aber stammen die Motive? Johann Büsen ist der Wächter eines enormen digitalen Schatzes. In seinem Archiv sammelt er Figuren, Dinge und Muster, die er bei seinen Streifzügen durch die unendlichen Weiten des Internets jagt. Johann findet dabei – sagen wir mal eine besondere Nacktschnecke. Diese wandert dann in sein Archiv, aus dem er – weil er das oft und nicht nur mit Nacktschnecken tut - eine scheinbar unendliche Vielfalt an Motiven zaubern kann.

Wenn dann schließlich am Rechner seine Bilder entstehen, arbeitet Johann Büsen wie ein DJ. Während ein DJ allerdings mit Audio-Samples, also kurzen Versatzstücken aus existierenden Liedern neue Songs kreiert, baut Büsen seine Bilder aus bestehenden visuellen Samples auf. Ich stelle ihn mir dann gerne bei der Arbeit vor, mit einem Farbkasten, in dem nicht nur Türkis und Pink, Ocker und Schwarz, sondern auch Mini-Hunde, kriechende Regenbogen, und klitzekleine Astronauten zu finden sind. Ebene um Ebene komponiert Johann Büsen seine digitalen Malereien, die er auch am Rechner koloriert. Vorrangig ist bei der digitalen Malerei allerdings nicht die Imitation traditioneller Maltechniken wie Aquarell oder Ölmalerei. Es geht nicht um das „Als ob“. Im Gegenteil: Johann Büsen unterläuft die Möglichkeit der perfekten Imitation zur Herstellung eines „perfekten“ Ergebnisses, wenn er Makel der traditionellen Malerei karikiert und zum Beispiel Farbnasen seine Leinwand herunterlaufen lässt. Nein, es geht um die speziellen Möglichkeiten der Grafiksoftware, wie zum Beispiel das freie Arrangieren und Komponieren der Details oder das parallele Arbeiten auf mehreren unabhängigen Ebenen. Er kann so lange alles verändern, bis die gefundene Komposition für ihn stimmig ist. Das vollendete Bild geht in Druck - Und es ist ein Unikat. Johann Büsen lässt jedes Bild nur ein einziges Mal produzieren.

Aber genug der Theorie. Zeit für – Action. Zeit für brennende Autos, Personen in Schutzanzügen, militärische Kleidung - Beim Stöbern in seinem Archiv entscheidet sich Johann oft für Zeichen von Macht, Dominanz, Zerstörung. Dennoch – und das ist spannend – gelingen Johann mit dem Zauber seines digitalen Farbkastens ebenso magische Bildwelten voller Poesie. Wenn goldene Säulen in einen alles verschlingenden Sturmhimmel aufragen. Wenn unvermittelt auftauchend leuchtende Wale zwei Rudernde grüßen. Nicht zu leugnen – warum auch – ist dabei Johanns Nähe zur Street Art, ist er doch auch als Street Art-Künstler tätig, wie Sie bereits draußen gesehen haben. Einige seiner digitalen Collagen weisen dabei eine ähnlich urban-morbide Ästhetik auf, wie dutzendfach beklebte Plakatwände. Und zwar jene, bei denen mit liebevoller wie ausdauernder Langeweile Schicht um Schicht, Fetzen um Fetzen abgezogen wurde und sich aus den freigelegten Plakatresten neue Bilder mit rätselhaftem Sinnzusammenhang ergeben.

Was seine Bilder erzählen, hängt letztendlich davon ab, welche Assoziation der Betrachtende hat. Die jeweiligen Hauptmotive sind assoziativ so stark befrachtet, dass sie der Phantasie als Startrampe in eine wilde, eine leise oder eine verwunderte Suche nach weiteren Fragmenten einer Geschichte dienen. Nach und nach docken die Fundstücke an, eine Geschichte entsteht. In diesem Sinne lassen sich seine Bilder als Comic lesen. Als Comic ohne Grid, also ohne die Kästchen, die einen herkömmlichen Comic rastern und Ordnung in die Abfolge der Ereignisse bringen. Johann Büsen verdichtet den Plot in einem einzigen Bild. Es gibt keine klar definierte Leserichtung, auch wenn immer wieder Textfragmente, Linien oder Pfeile den Blick lenken.

Johanns Büsens Bilder balancieren auf der Grenze zwischen Chaos und Ordnung. Das macht einen beträchtlichen Teil ihrer Spannung aus, mit der sie den Betrachter halten. Bei aller Vielschichtigkeit sind die Kompositionen alles andere als beliebig. Aber: Entsteht gerade Ordnung? Oder versinkt gerade alles im Chaos? Ein kompositorischer Balance-Akt.

Johann Büsens surreale Erzählwelten sind wie Schatzkarten, auf denen sich so vieles entdecken lässt. Einige der Schätze haben wir jetzt schon gemeinsam ausgegraben, viele liegen noch im Verborgenen und möchten jetzt von Ihnen entdeckt werden.

Dabei wünsche ich Ihnen viel Vergnügen.